Wissenschaftler der University of British Columbia haben untersucht, welche psychologischen Eigenschaften Leute aufweisen, die sich gerne selbst als Opfer oder als deren Retter inszenieren. Die Erkenntnisse sind aufschlussreich.

Was ist Virtue Signaling?

Mit Virtue Signaling (wörtlich: „Tugendschau“) wird das demonstrative Zurschaustellen moralischer Werte bezeichnet. Beispielsweise wenn sich jemand in einer anti-rassistischen Gesellschaft gegen Rassismus äußert. Ziel ist es, die eigene soziale Anerkennung zu steigern.

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Außerdem erhält man hierdurch die „Erlaubnis“, sich über Themen zu äußern, die laut gesellschaftlichem Konsens eigentlich den Opfern vorbehalten sind. Wer also Anti-Rassist ist, darf sich über Rassismus äußern, auch wenn er weiß ist und deshalb laut herrschender Ideologie eigentlich keiner Opfergruppe angehört.

Victim Signaling: Aufsteigen im Opfer-Ranking

Victim Signaling (wörtlich: „Opferschau“) bedeutet, dass sich jemand öffentlich als Teil einer Gruppe darstellt, die von der Gesellschaft als Opfergruppe angesehen wird. Zum Beispiel wenn jemand nachdrücklich betont, schwarz, homosexuell oder transgender zu sein.

Hierbei ist das Ziel, so die Forscher der University of British Columbia, durch die Opferrolle Sonderrechte zu erhalten. Es werde als „soziale Einflusstaktik“ eingesetzt, die Empfänger dazu motivieren soll, „freiwillig Ressourcen zum Signalgeber zu transferieren“.

Superwaffe: Virtuos Victim Signaling

Die Verbindung von Virtue Signaling und Victim Signaling vereint die Eigenschaften der einzelnen Phänomene. „Virtuos Victim Signaling“ kann zum einen die soziale Anerkennung steigern und „Diskussionsrechte“ freischalten, die andere nicht haben. Zum anderen locken persönliche Vorteile und Sonderrechte – zum Beispiel Zugang zu Entscheidungsgremien oder Anspruch auf Wiedergutmachung.

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Die Autoren der Studie drücken das so aus: „Ein wahrgenommenes Opfersignal kann andere dazu bringen, Ressourcen zu einem Opfer zu transferieren, aber die Motivation, dies zu tun, wird verstärkt, wenn das Opfersignal mit einem Tugendsignal gepaart wird.“

Zusammenhang zwischen Gutmenschentum und psychologischen Eigenschaften nachgewiesen

Die Wissenschaftler testeten in ihrer Studie, welche Persönlichkeitsmerkmale Personen gemein haben, die besonders gerne „Virtous Victim Signaling“ betreiben. Dabei kam heraus:

Die sogenannte „Dunkle Triade“ ist besonders stark ausgeprägt. Darunter versteht man in der Psychologie das gemeinsame Auftreten der Merkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie.

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Menschen mit diesen Eigenschaften sind besonders manipulativ, empathiefrei und kalt berechnend. Ihr persönlicher Vorteil steht an oberster Stelle. Um diesen zu mehren, nutzen sie alle Mechanismen, welche die Gesellschaft ihnen bietet.

Höhere Wahrscheinlichkeit für Betrug und unethisches Verhalten

Die Forscher fanden auch heraus, dass Menschen, die häufig Virtue oder Victim Signaling nutzen, eine erhöhte Neigung zu ethisch fragwürdigem Verhalten zeigen. Solche Personen sind beispielsweise „eher bereit, gefälschte Produkte zu kaufen“ und Fälscher weniger hart zu verurteilen.

In einem Münzwurfspiel zeigten sie „eine höhere Wahrscheinlichkeit, zu betrügen und zu lügen, um zusätzliche Geldbelohnungen zu verdienen“. Darüber hinaus erhoben die betreffenden Testpersonen mit höherer Wahrscheinlichkeit, „übertriebene Ansprüche“, um „Entschädigungen für eine angebliche und unklare Regelübertretung in einer Organisation“ zu erhalten.