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Das Verfahren dauerte zwei Jahre: Das Urteil ist ein Paukenschlag!

Ein Vater will Mutter werden

Ágata Vieira Mostardeiro (27) ist Biologe und studiert Soziologie im Master. Vor zwei Jahren zeugte der Brasilianer mit seiner weiblichen Partnerin Chaiane dos Santos Cunha (28) einen Sohn namens Bento. Erst danach begann Mostardeiro die Einnahme von weiblichen Sexualhormonen und ließ sich bei den Behörden als Frau eintragen.

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Mostardeiro vor der Geschlechtsumwandlung.
Screenshot YouTube

Das ist möglich seit einer Entscheidung des brasilianischen Bundesgerichtshofes von 2018. Es ist allerdings nicht vorgesehen, dass eine Trans-Person dann als zweite leibliche Mutter eingetragen wird. Genau das wollte Mostardeiro aber.

Mostardeiro zieht vor Gericht

Die Eintragung zweier leiblicher Mütter ist nur bei In-vitro-Fertilisation vorgesehen – dann kann sowohl die Eizellenspenderin als auch die ehemals Schwangere eingetragen werden. Als Kompromiss wurde Mostardeiro als Adoptivmutter akzeptiert und mit gleichen Rechten ausgestattet – aber das reichte ihr nicht.

Das Gericht der Großstadt Canoas nahm sich des Problems an und verlangte zwei Belege, um Mostardeiro als zweite leibliche Mutter anzuerkennen: Erstens sollte sie nachweisen, dass sie zum Zeitpunkt der Zeugung keine Geschlechtsumwandlung durchlaufen hatte. Zweitens sollte die Mutter Cunha erklären, dass sie im fraglichen Zeitraum mit Mostardeiro Geschlechtsverkehr gehabt hatte.

Mostardeiro (links) identifizierte sich zum Zeitpunkt der Geburts zunehmend als trans.
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Beide weigerten sich, diese Belege zu liefern und sahen ihre Rechte verletzt. Die Anwältin Gabriela Souza vertrat Mostardeiro und klagte vor dem Oberlandesgericht. Das Verfahren dauerte zwei Jahre, während derer sich das Paar trennte.

Richter: Das Urteil stelle die »biologische Wahrheit« dar

Jetzt urteilte der Richter: Mostardeiro wird fortan als leibliche Mutter des Kindes anerkannt. Er begründete seine Entscheidung damit, dass das Personenregister die „biologische Wahrheit“ und „Realität der Tatsachen“ darstellen müsse. Das Urteil ist derzeit einzigartig in Brasilien.

Konsequenz der Entscheidung: Eine Umdefinition von leiblicher Mutterschaft. Sie ist nicht mehr abhängig vom biologischen Geschlecht und vom Stattfinden einer Schwangerschaft. Entscheidend ist demnach lediglich, mit welchem Geschlecht sich ein Elternteil identifiziert.

Gemischte Reaktionen auf das Urteil

Eine Änderung der Mutter-Definition wird bereits seit längerem von vielen Transgender-Organisationen weltweit gefordert, um biologische Männer nicht auszugrenzen. Dementsprechend feiern LGBT-Verbände das Urteil. Mostardeiro selbst äußerte sich so: „Ich denke, dieses Urteil ist wichtig, um zu zeigen, dass meine Familie genauso gültig ist wie andere Familien.“

Mostardeiro wird künftig als leibliche Mutter des Kindes geführt, das sie selbst mit ihrem Sperma gezeugt hat.
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Frauenrechtlerinnen hingegen schlagen Alarm. Sie kritisieren, dass die Opfer, die biologische Mütter erbringen, durch die Neudefinition relativiert würden. Des Weiteren verfälsche man damit die Gesundheitsstatistiken.

Es gibt viele Fälle wie diesen

Die brasilianische Transfrau Duda Salabert beglückwünschte Mostardeiro zu dem Urteil. Die Literaturprofessorin hatte dasselbe Ziel ohne Gerichtsverhandlung erreicht, weil sie direkt mit einem Anwalt zum Einwohnermeldeamt gegangen war. So schaffte es Salabert sogar, 120 Tage Mutterschaftsurlaub zu bekommen.

Dass Mostardeiro aber zwei Jahre hatte warten müssen, zeige, dass Transsexuelle nicht als Menschen anerkannt würden, sagte Salabert. Auch in anderen Ländern werden ähnliche Gerichtsverhandlungen geführt. Aktuell versucht der Franzose Mathieu Stoclet, als Mutter des jüngsten seiner drei Kinder anerkannt zu werden.