Zwei Weiße Akademikerinnen geben sich als Schwarze aus und keiner traut sich, das in Frage zu stellen. Der Grund: Angst vor Rassismus-Vorwürfen.

»Ich glaube an Cancel Culture«

Anfang September „outete“ sich Assistenzprofessorin Jessica Krug von der George Washington University als weiß. In einem Blogartikel schrieb sie: „Für den größten Teil meines Erwachsenenlebens, wurzelte jede meiner Handlungen und jede meiner Beziehungen in einem napalm-verseuchten Boden voll Lügen.“

Jessica Krug gab sich jahrelang als Nicht-Weiße aus.
Screenshot Facebok

Obwohl sie als „weißes jüdisches Kind“ in den behüteten Vororten von Kansas City aufwuchs, hatte sie verschiedene nicht-weiße Identitäten für sich beansprucht: Mal war sie nordafrikanisch, dann afro-amerikanisch, dann habe sie sich für eine Schwarze aus der Bronx mit karibischen Wurzeln ausgegeben.

Psychologen hätten ihr gesagt, dass dieses Verhalten häufig auf schwere Kindheitstraumata zurückzuführen sei. Aber solche Probleme „können niemals, werden niemals etwas erklären oder rechtfertigen, gutmachen oder entschuldigen.“ Das könne nur Cancel Culture.

Angst vor Rassismusvorwürfen ermöglichte die Lügen

Wenige Tage nach der Beichte folgte ein ähnlicher Fall. Eine Lehr-Assistentin namens Vitolo-Haddad von der University of Wisconsin hatte sich selbst jahrelang als „Person of Colour“ bezeichnet. Aus Angst vor Rassismusvorwürfen trauten sich ihre Mitmenschen nicht, ihre Herkunft in Frage zu stellen.

Man akzeptierte sie als „schwarze Trans-Person“. Doch am 5. September wurde sie von jemandem aus ihrem näheren Umfeld anonym im Internet geoutet.

Alte Fotos von Vitolo-Haddad zeigen, wie weiß sie eigentlich ist.
Screenshot MySpace

Die Ironie des Ganzen: Unmittelbar nach Krugs Outing als Weiße hatte sich Vitolo-Haddad noch über „Trans-Rassigkeit“ aufgeregt, die es einem „Kansas-Cracker“ wie Krug erlaubt hätte, „einen Doktor in Blackfacing zu bekommen“.

»Ich bin ein Kultur-Aasgeier.«

Nach ihrem unfreiwilligen Outing rechtfertigte Vitolo-Haddad ihr Verhalten: „Ich über-identifizierte mich mit einer unzuverlässigen und unbewiesenen Familiengeschichte“. In der Folge trat sie als Lehr-Assistentin und als Co-Präsidentin der Teaching Assistants Association zurück.

Jessica Krug, die ihren Namen in der Vergangenheit gerne wie „Cruz“ ausgesprochen hatte, zeigte sich dagegen selbstkritischer. Sie bezeichnete sich in ihrem Outing als „Kultur-Aasgeier“ und sogar als „Kultur-Blutegel“. Auch sie trat als Assistenz-Professorin zurück und sagte: „Ich cancele mich selbst.“