In Deutschland regeln die Bundesländer, ab welchem Alter die Bestattungspflicht gilt. Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern schreiben ab einem Gewicht von 500 Gramm (etwa 23. Schwangerschaftswoche) eine Bestattung vor. Berlin erst ab 1.000 Gramm (etwa 27. Schwangerschaftswoche). Aber auch vorher soll die Entsorgung „nach sittlichem Empfinden“ durchgeführt werden.

Doch alles mit geringerem Gewicht landet oft im medizinischen Sondermüll der jeweiligen Klinik. Ein Missbrauch für die Forschung ist verboten. Gleichwohl könne es „immer sein, dass da irgendwer was davon an die Forschung gibt“, sagte die Gynäkologin Dr. Gabriele Halder 2016 gegenüber Vice.

Die meisten von uns aufgelisteten „Nutzungsformen“ der fötalen Körper finden nicht in Deutschland statt. Einige haben allerdings durch importierte Produkte auch hier eine Bedeutung.

1Medizinischer Sondermüll

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Wie gesagt, in Deutschland ist das die gängigste Form. Gemeinsam mit Blut, Organen und amputierten Gliedmaßen werden abgetriebene Kinder zunächst eingefroren und dann in einer Müllverbrennungsanlage verbrannt. Es gibt aber auch Krankenhäuser, die das grundsätzlich ablehnen und stattdessen Sammelbestattungen vornehmen.

Im Berlin der 1990er kam es zu einem Skandal: Von 1981 bis 1997 hatte die Berliner Sonderabfall-Entsorgungsgesellschaft KEG Tot- und Fehlgeburten zu Granulat verarbeitet. Das Granulat wurde verbrannt und die Schlacke im Straßenbau verwendet. Der Geschäftsführer argumentierte daraufhin, das sei günstiger und umweltschonender.

2Impfstoffproduktion

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Um Viren-Impfstoffe herzustellen, braucht man Wirtszellen für die Züchtung. Verwendet werden hierfür beispielsweise embryonale Hühnerzellen. Allerdings werden auch Zellen abgetriebener Kinder dafür genutzt. Impfstoffe mit menschlichen Zellen bergen ein geringeres Risiko für eine allergische Reaktion.

Diese Verwendung abgetriebener Kinder ist allerdings zunehmend ethisch umstritten. Kritisiert wird, dass es in der EU nicht möglich ist, gegen gewisse Krankheiten (z. B. Windpocken, Hepatitis A oder Röteln) zu impfen, ohne auf diese Zellen abgetriebener Babys zurückzugreifen. Zwar gibt es in Ländern wie Japan noch Impfstoffe, die auf Hühnerzellen basieren, doch ist die Einfuhr von Impfstoffen nach EU-Gesetzen sehr schwierig.

3Geschmacksverstärkerherstellung

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Firmen wie Nestlé, Pepsi und Coca-Cola verwenden ein Patent der Firma Senomyx zur Herstellung von Geschmacksverstärkern. Dabei werden die Zellen eines abgetriebenen Fötus aus den Niederlanden bis heute weitergezüchtet. An diesen Zellen werden dann neu entwickelte Geschmacksverstärker getestet.

4Kosmetik

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Bereits in den 1980ern ging durch die Medien, dass mehrere britische und französische Abtreibungskliniken Föten an Kosmetikfirmen verkauften. Benutzt wurden diese vor allem in Anti-Aging-Rezepturen.

Manche Firmen warben sogar offen damit, dass man seine Falten mit „jungen Zellen“ auffrischen könne. Die Schweizer Firma Neocutis verwendet bis heute fetale Zellen, die sie allerdings selber weiterzüchtet, anstatt immer neue zu kaufen.

5Frischzellenkur

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2005 wurde aufgedeckt, dass in der Ukraine ein Handel mit abgetriebenen Föten betrieben wird. Ärzte überredeten Frauen zu Abtreibungen und gaben ihnen Geld für die Leichen ihrer Kinder. Teilweise dachten sie sich sogar Gründe aus, um die Kinder erst später abzutreiben, wenn sie höher entwickelt waren. Die Körper wurden dann meist nach Russland gebracht.

Das Ziel: Eine zweifelhafte „Verjüngungskur“, bei der sich Reiche die Zellen abgetriebener Kinder spritzen können. So wollen sie sich jung und frisch halten. Auch bekannte Deutsche wie der Bundeskanzler Konrad Adenauer nahmen eine vergleichbare Frischzellentherapie in Anspruch. Allerdings nicht mit den Zellen abgetriebener Menschen, sondern solchen aus Tierföten.

6Stammzellentherapie

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In Deutschland ist es verboten, doch in Ländern wie den USA erlaubt. So bekommen Parkinson-Patienten Hirnzellen abgetriebener Kinder in den Kopf gespritzt, damit diese die abgestorbenen Zellen des Kranken ersetzen. Der Erfolg ist sehr unterschiedlich. Außerdem braucht man die Zellen mehrerer abgetriebener Föten für nur einen Patienten.

Eine andere Methode sieht vor, „überzählige Embryonen aus künstlichen Befruchtungen“ zu nehmen, heißt es bei Deutschlandfunk. Da es sich hierbei um potentiell lebensfähige, menschliche Embryonen handelt, die noch dazu künstlich im Labor erzeugt wurden, steht auch diese Methode in der Kritik.

7Forschung

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Je nach Land ist die Nutzung von abgetriebenen oder totgeborenen Kindern in der Forschung legal oder illegal. Die amerikanische Abtreibungsorganisation Planned Parenthood machte 2015 Schlagzeilen. Sie hatte Teile abgetriebener Föten an die Forschung verkauft. Sogar ohne Erlaubnis der Mütter.

Das war herausgekommen, nachdem die Pro-Life-Organisation Center for Medical Progress mehrstündige Gesprächsaufnahmen veröffentlicht hatte. Diese hatte sie mit versteckter Kamera aufnehmen und so Planned Parenthood überführen können.

Im deutschen Sprachraum undenkbar? Eine parlamentarische Anfrage der ÖVP vom 9. Dezember 2015 hatte ergeben, dass der österreichische Staat keine Ahnung hat, was mit abgetriebenen Föten geschieht.