Alle kennen es: Die Medien sprechen mal wieder von „Fachkräften“, „Jugendlichen“, „Männern“, „Großfamilien“ oder „Feierwütigen“. Wer das liest, ist sich normalerweise klar: Gemeint sind in den meisten Fällen Ausländer. Und das hat System.

Die verrücktesten Begriffe finden sich in einem Glossar der Journalisten-Organisation „Neue Medienmacher*innen“. Ihre „Formulierungshilfen zur Berichterstattung im Einwanderungsland“ sollen die journalistische Berichterstattung laut Selbstauskunft „möglichst wertfrei, korrekt und präzise“ machen – Kritiker sagen: „gleichschalten“.

10Deutsche mit Migrationshintergrund

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Der Begriff ist fast schon so retro, dass er von Linken zunehmend kritisch gesehen wird. Er sollte ursprünglich als netter Begriff das im Zuge von Kriminalstatistiken zunehmend negativ behaftete Wort „Migranten“ ersetzen. Inzwischen gilt „Deutsche mit Migrationshintergrund“ vielen aber selbst als grenzwertig.

9Zuwanderer

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Weil „Einwanderer“ irgendwie nach „drinnen und draußen“ und nach „eindringen“ klingt, soll ein linguistischer Trick Akzeptanz schaffen. „Zuwanderer“ ist viel weniger invasiv, da kommt jemand ganz unverbindlich hinzu oder fügt etwas hinzu, was hinterher ein „Mehr“ ergibt.

8Neubürger

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Der Begriff hat eine interessante Geschichte: Ursprünglich benutzte ihn das DDR-Regime, um ostdeutsche Flüchtlinge zu bezeichnen. Ackerland, das einheimischen Bauern weggenommen wurde, gab die sozialistische Regierung oft solchen „Neubürgern“.

Dass diese Flüchtlinge nicht selten aus Städten wie Königsberg kamen, nichts von der Landwirtschaft verstanden und deshalb häufig die Betriebe herunterwirtschafteten, sollte durch nette Worte wie „Neubürger“ übertüncht werden.

7Neue Deutsche

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Laut Grundgesetz müsste man hierunter denjenigen verstehen, der „die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit“ aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten kommt oder während der Nazi-Zeit ausgebürgert wurde.

Laut den Neuen Medienmacher*innen allerdings können mit diesem Begriff „Menschen (mit und ohne Migrationshintergrund)“ bezeichnet werden, „die positiv zur Pluralisierung der Gesellschaft stehen“. Klartext: Eine Staatsbürgerschaft ist nicht nötig, um zu den „neuen Deutschen“ zu gehören.

6Menschen aus Einwandererfamilien

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Dieses Framing folgt derselben Strategie wie „Menschen mit Behinderung“ oder „Menschen mit zwei Geschlechtern“: Das spezifische Merkmal (z. B. „aus Einwandererfamilien“) wird einem allgemeinen Merkmal („Menschen“) untergeordnet.

Das Ziel ist durchschaubar: Ablenkung vom spezifischen Merkmal, böse gesagt: Verwirrung stiften. Grund für die Verwendung bestimmter Merkmale ist ja gerade deren mögliche Bedeutung für einen bestimmten Kontext. Beispiel:

Einwanderer und deren Kinder brauchen statisch häufiger Förderungen z. B. beim Spracherwerb. Dass es sich bei ihnen um Menschen handelt: völlig klar und unnütz als Information. Man könnte auch sagen „Lebewesen auf Kohlenstoffbasis aus Einwandererfamilien“.

5Bürger mit Einwanderungsbiographie

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Selbes Prinzip wie bei „Menschen aus Einwandererfamilien“, bloß noch mehr auf die Spitze getrieben.

4Menschen nichtdeutscher Herkunftssprache

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Die Ersetzung von „Herkunft“ mit „Herkunftssprache“ ist ebenfalls ein linguistischer Taschenspielertrick. Hierbei wird ein geografischer Begriff durch einen kulturellen ergänzt. Notwendige Folge ist die Entkopplung von „Wo“ und „So“:

Eigentlich geht man davon aus, dass in Deutschland Deutsch gesprochen wird. Der Begriff „Herkunftssprache“ impliziert dagegen, dass in einem bunten Deutschland nicht automatisch davon ausgegangen werden kann, dass die Amtssprache beherrscht wird.

Der Begriff wird von den „Neuen Medienmacher*innen“ allerdings kritisch gesehen, weil er defizitorientiert sei. Besser wäre es, von „mehrsprachigen“ Menschen zu reden. Dahinter wiederum steckt dieselbe Logik wie bei „Zuwanderer“ (s.o.).

3Menschen mit internationaler Geschichte

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Dieser Begriff soll berücksichtigen, „dass nicht alle Menschen mit ihren Familien eingewandert sind“. Er wurde im Rahmen des Workshops „Was heißt hier Migrationshintergrund?“ auf dem Diversity Day 2014 entwickelt. Beteiligt waren „Heidelberger Bürger mit und ohne Einwanderungsbiographie“ und die Neuen Medienmacher*innen.

2Allochthone

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Der Begriff soll weniger ausgrenzen als andere. Dabei ist er eine sprachliche Nebelkerze: „Állos“ bedeutet „verschieden“ oder „anders“ und „chthṓn“ bedeutet „Erde“. Man könnte also genauso gut „Ausländer“ sagen.

1Diverskulturelle

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Unser erster Platz! Auch dieser Begriff wurde im Workshop des Diversity Days 2014 erarbeitet. Veranstalter ist übrigens Charta der Vielfalt e.V., ein Verein unter Schirmherrschaft von Angela Merkel.

Das Wort dient erkennbar als Ersatz für das inzwischen in Verruf geratene Ex-Framingwort „multikulturell“. Durch den Fokus auf „divers“ trägt das Wort wie kein anderes dem gegenwärtigen Zeitgeist Rechnung – und genderneutral ist es auch noch.