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Sascha Baron Cohen ist zurück in seiner Paraderolle als kasachischer Reporter, Borat Sagdiyev. Leider outet sich die Fortsetzung als plumper Propagandafilm für die Demokraten – Fließbandgags aus der Spucktüte inklusive.

2006: Borat vs. Bush

Vor 14 Jahren eroberte ein schlaksiger Kasache mit Schnauzbart die halbe Welt: Mit seinen unverhohlen sexistischen, rassistischen und antisemitischen Ansichten wollte Borat der US-amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten – zumindest einem Teil.

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Schon 2006 hatte es der Brite Cohen nämlich nur auf die konservativen Amerikaner abgesehen. Beim heimlichen Filmen von Waffenbesitzern, biersaufenden College-Boys und Evangelikalen hatte er dabei aber stets einen einzigen Mann im Blick: Der damalige republikanische US-Präsident George W. Bush verkörperte schließlich all diese Stereotype.

Im Gegensatz zu seiner Fortsetzung verkam Borat dadurch aber nicht zur einseitigen Parteienpropaganda. Bushs Kabinett hatte sein Land schließlich unter erlogenen Vorwänden gegen den Irak in den Krieg geführt und damit der ganzen USA und all ihren Bürgern, so sie nicht zu den wenigen Kriegsprofiteuren zählten, erheblichen Schaden zugefügt.

Periodenblut und Abtreibungswitze

War der erste Borat vor allem eine kalkulierte Abrechnung mit Amerikas konservativem Establishment, knöpft sich die Fortsetzung jetzt alles und jeden vor, das nicht ins linksliberale Obama-Clinton-Biden-Silicon-Valley-Weltbild passt.

2006 brachte Borat einer feinen Dinnergesellschaft in Alabama seine eingetüteten Exkremente mit zurück an den Tisch. Innentoiletten kannte er nicht. Heute tut Cohen so, als würde auf einer öffentlichen Toilette ein abgetriebener Fötus runtergespült.

Die Kontrolle über den Cringe-Faktor verliert Cohen auch, als seine Film-Tochter Tutar bei einem traditionsreichen Debütantinnenball in Georgia ihren mit Menstruationsblut verschmierten Schritt präsentiert.

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Zuschauer außerhalb des linksradikalen Spektrums, wo Abtreibungen und das Zeigen von Periodenblut tatsächlich als Formen des Feminismus gelten, lachen bei so etwas nicht mehr mit. Egal, Hauptsache es geht irgendwie gegen Trump. Der ist zwar kein Kriegspräsident, aber man hasst ihn eben.

Rednecks mit Anstand

Dass Borat 2020 trotz ein paar netter Gags misslungen ist, zeigt sich auch hieran: Im Gegensatz zum Vorgänger kommen ausgerechnet jene, die Cohen verunglimpfen will, immer wieder als ziemlich anständige Leute rüber: die Republikaner.

Als Borats Tochter Tutar einen Clubabend republikanischer Frauen mit ihrer Ansage sprengt, zum ersten Mal masturbiert zu haben, reagieren diese nur mit dem höflichen Hinweis darauf, dass man so etwas eigentlich für sich behält.

Und als Borat sich mitten im Lockdown obdachlos wiederfindet, nehmen ihn – den Ausländer – ausgerechnet zwei Rednecks und „Covidioten“ auf. Die Trump-Wähler erklären dem geschockten Kasachen sogar, dass Frauen gleichberechtigt sind.

Überhaupt: Bleiben die vielen Szenen in beiden Teilen, in denen Borat ganz normalen Amerikanern plötzlich rassistische, sexistische oder antisemitische Ansichten entgegenwirft, wirklich deshalb unwidersprochen, weil diese Leute verkappte Rassisten, Sexisten und Antisemiten sind? Das wird immer wieder suggeriert. Oder sind sie – im Gegensatz zu Cohen – einfach nur höflich?

Was ist echt und was fake?

Die Frage, wie fair Cohens Vorgehen seinen Gesprächspartnern gegenüber ist, hatte schon der erste Teil aufgeworfen. Beim zweiten Teil gibt es mehrere Hinweise, dass die ‚entlarvenden‘ Szenen nicht nur provoziert, sondern geradezu erzwungen wurden.

In einer Szene stiftet ein als Countrysänger verkleideter Borat Teilnehmer einer konservativen Kundgebung zum Singen hasserfüllter Reime an. Angeblich haben die Veranstalter allerdings versucht, den Auftritt unverzüglich zu beenden, was jedoch vom Filmteam verhindert worden sei.

Auch die berüchtigtste Szene des Films, in der sich Trumps Anwalt, Rudy Giuliani, scheinbar gern von Borats Tochter verführen lässt, ist alles andere als eindeutig – zumal die Schauspielerin 24 Jahre alt ist und wenigstens nicht wie eine Minderjährige aussieht.

Frage an linke Borat-Fans

Wenn man einmal akzeptiert hat, dass Borat heute nur existiert, um Trump und seine Wähler zu beschädigen, kann man den Film auch gleich wieder vergessen. Zünglein an der Waage bei den US-Wahlen ist er mit Sicherheit nicht. Dafür ist er zu unverhohlen parteiisch.

Im Grunde genommen ist der Streifen, der seit Freitag bei Amazon Prime Video zu sehen ist, das Streaming-Pendant zu Hillary Clintons Aussage von 2016, Trumps Wähler seien, „ein Korb von Erbärmlichen“. Sich vulgär auf seine inhaltlosen Vorurteile zu berufen, hat dem linken Lager schon damals nicht gutgetan.

All jenen, die diesen Film für ein weiteres Truth-to-Power-Statement halten, sei folgender Gedanke nahe gelegt: Wo war Borat eigentlich, als Barack Obama da weitermachte, wo Bush aufgehört hatte, und den Krieg nach Syrien und Libyen brachte? Wann hält Borat den US-Linken endlich mal den Spiegel vor?