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Als das Deutsche Reich ausgerufen und Wilhelm I. zum Kaiser gekrönt wird, gibt es über den genauen Titel bis zuletzt Krach. Erst in wirklich allerletzter Sekunde wird das Problem überraschend gelöst.

Seit den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 ist der Nationalstaat das erklärte Ziel deutscher Patrioten. Während die meisten Völker Europas sich schon lange in einem Nationalstaat organisiert haben, sind wir noch immer in zahllose Fürstentümer zersplittert. Einer will das ändern.

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»Schmied des Reiches«

Otto von Bismarck hat nach Preußens Sieg über Österreich in der Schlacht bei Königgrätz 1866 bereits einen großen Teil der Kleinstaaten im Norddeutschen Bund vereint. Für ein ganzes Deutschland fehlen aber noch die süddeutschen Gebiete. Doch gerade da gibt es ein Problem.

Zeitgenössische Karikatur zeigt die Teilung Deutschlands in Nord und Süd.
Gemeinfrei

Im Süden hat man wenig Lust, einem preußisch dominierten Bund beizutreten. Die Politik ist den Fürsten zu liberal und der Glaube zu protestantisch. Bismarck braucht etwas, um den Hessen, Schwaben und Bayern die nationalen Gemeinsamkeiten als Deutsche bewusst zu machen. Da bekommt er plötzlich ein Telegramm.

Die Lage spitzt sich zu

Das Telegramm stammt von König Wilhelm, der sich gerade zur Kur in Bad Ems befindet. Er beschreibt Bismarck darin, dass er von einem französischen Diplomaten mit Forderungen überhäuft wurde. Dabei geht es um Spanien.

Im Exil versinkt Isabella II. schnell in der Bedeutungslosigkeit.Gemeinfrei

Dort haben Militärs 1868 Königin Isabella II. abgesetzt. In der Folge wurde zwischen Frankreich und Preußen erbittert um die Thronnachfolge gestritten. Als Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen Anfang 1870 zum Favorit der spanischen Fürsten wird, ist der französische Kaiser Napoleon III. außer sich vor Wut und droht mit Krieg.

Preußen zieht daraufhin tatsächlich seine Kandidatur um Spaniens Thron zurück. Der Konflikt könnte somit geklärt sein. Napoleon aber geht noch weiter.

Kleiner Brief, große Wirkung

Er will Wilhelm dazu zwingen, auf ewig alle Ansprüche auf Spanien fallen zu lassen und sich obendrein auch noch öffentlich zu entschuldigen. Das geht zu weit. Der Botschafter, der diese dreisten Forderungen überbringt, wird von Wilhelm höflich, aber bestimmt, abgewiesen. Und dann kommt Bismarck ins Spiel.

An einer idyllischen Promenade in Bad Ems soll Wilhelm I. sein eigenes Land demütigen.Gemeinfrei

Als der von den Ereignissen in Bad Ems erfährt, sieht er eine einmalige historische Gelegenheit gekommen. Er nimmt das Telegramm von Wilhelm und lässt es in geschickt gekürzter Form als „Emser Depesche“ veröffentlichen. Sie verfehlt ihre Wirkung nicht.
Die Deutschen sind durch die dreisten Forderungen empört und die Franzosen empfinden deren Zurückweisung als Provokation. Kurz darauf erklärt Napoleon Preußen im Sommer 1870 den Krieg.

Höhepunkt der Einigungskriege

Zum Entsetzen Frankreichs aber rüttelt die Kriegserklärung überall in Deutschland das Nationalbewusstsein wach. Selbst die süddeutschen Staaten lassen von ihrer Kleinkrämerei ab und ziehen Seite an Seite mit Preußen in den Kampf.

Die Franzosen stoßen von Anfang an auf heftige Gegenwehr.Gemeinfrei

Napoleons Großoffensive, die eigentlich Preußen vernichten soll, bleibt schon am ersten Tag stecken. Die französische Armee kommt nur einen Fußbreit auf deutsches Territorium und kann lediglich die Grenzstadt Saarbrücken einnehmen. Dann wird der Spieß umgedreht.

Der deutsche Gegenangriff dringt schnell bis tief in französisches Gebiet vor.
Gemeinfrei

Innerhalb weniger Wochen wird Frankreich völlig überrannt. Bei der glorreichen Schlacht von Sedan wird Napoleon im Spätsommer 1870 gefangengenommen und bis Anfang 1871 ist der von Frankreich angefangene Krieg so gut wie verloren.

Reichsgründung voller Symbole

Nach dem gemeinsamen Kämpfen, Sterben und Triumphieren sind die deutschen Südstaaten endlich bereit, ihre Sonderstellung aufzugeben und sich im Dienste des höheren Ganzen dem Norddeutschen Bund anzuschließen.

Napoleon III. spricht nach seiner Gefangennahme mit Bismarck.
Gemeinfrei

Am 18. Januar 1871 drängen sich Abordnungen aller Feldregimenter in den Spiegelsaal von Versailles, um gemeinsam das Deutsche Reich zu proklamieren. Dabei sind weder Datum noch Ort ohne Grund gewählt.

Das Schloss von Versailles dient bis zur Französischen Revolution als Regierungssitz von Frankreichs Könige.
Gemeinfrei

An diesem Tag nämlich jährt sich die Krönung von Friedrich I. und damit die Gründung Preußens im Jahr 1701. Die Deckengemälde von Versailles zeigen den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. als Eroberer deutscher Städte und Länder. Doch auch wenn für die symbolische Kulisse gesorgt ist, bleibt ein entscheidendes Problem: Wilhelm will gar nicht Kaiser werden.

»Kaiser von Deutschland« oder »Deutscher Kaiser«?

Wilhelm hat Sorge, dass dadurch Preußen selbst in den Hintergrund rücken könnte. Bismarck kann ihn zwar in zähen Gesprächen überreden, den Posten überhaupt anzunehmen, über eines jedoch können sie sich nicht einigen.

Wilhelm (links) wird von seinem Neffen Friedrich I. (rechts) zum Kaiser ausgerufen.
Gemeinfrei

Wilhelm besteht darauf, zum „Kaiser von Deutschland“ gekrönt zu werden. Das würde das Selbstverständnis der Fürsten als souveräne Herrscher allerdings empfindlich kränken. Bismarck fordert deshalb den diplomatischeren Titel „Deutscher Kaiser“, womit kein Besitzanspruch, sondern lediglich ein Attribut ausgedrückt wird. Die Lösung des Streits kommt überraschend.

Als der badische Großherzog Friedrich I. am 18. Januar 1871 die Proklamation ausspricht, lässt er einfach ein Hoch auf „Kaiser Wilhelm“ anstimmen und entschärft den Zank damit in wirklich allerletzter Sekunde. Die Hand gibt Wilhelm seinem Bismarck an diesem Tag aber trotzdem nicht.