Bei der deutschen Berichterstattung über den 45. US-Präsidenten tritt immer wieder ein merkwürdiges Phänomen auf: Artikel über ihn werden mit bizarren Aufnahmen bebildert, die den Mann im Weißen Haus wie einen Freak aussehen lassen.

Ähnliche Fratzen sucht man bei Berichten über Obama, Merkel oder Macron vergebens. Die Bildauswahl ist allerdings ein wesentlicher und keinesfalls zufälliger Prozess. Die Frage steht also im Raum: Warum werden in deutschen Artikeln ausgerechnet die schlimmsten Fotos von Trump gebracht?

Wir haben zur Dokumentation mal einige Beispiele gesammelt – und analysiert:

1Der cholerische Handkantenschlag

In dem zum Bild dazugehörigen Spiegel-Artikel geht es um das Verhältnis des Präsidenten zum ehemaligen US-Außenminister Colin Powell. Angeboten hätte sich daher womöglich ein Beitragsbild, das beide Persönlichkeiten zeigt.

Stattdessen entschied man sich für irgendein Archivbild, das wohl unter normalen Umständen im Aktenvernichter gelandet wäre. Nicht so hier! Faustregel beim Spiegel scheint zu sein: Sieht Trump komisch aus, wird das Foto gekauft!

2Der Schrei

Auch ein Leitmotiv in der Trump-Bebilderung: Schreie. Der US-Präsident wird gerne als cholerisch, wütend und unkontrolliert abgebildet.

Dazu muss man wissen: Pressefotografen machen oft mit automatischen Auslösern mehrere Bilder pro Sekunde. Den Redaktionen stehen daher meist zahlreiche unterschiedliche Gesichtsausdrücke zur Bebilderung ihrer Artikel zur Verfügung. Dass ausgerechnet solche Bilder ausgewählt werden, ist eine bewusste Entscheidung.

3Der Schlaganfall

Für den Anfang September 2020 veröffentlichten Artikel über „Vermögen, Familie, Twitter und Haare“ des US-Präsidenten hätten sich allerhand gute Agenturbilder finden lassen. Warum hat man gerade dieses ausgewählt?

Das Foto wurde offenbar bei einer Rede aufgenommen. Es zeigt den Politiker also wahrscheinlich mitten in der Bewegung. Vor solchen Fotos ist natürlich keine Person des öffentlichen Lebens gefeit. Eine derartige Bebilderung suggeriert allerdings, dass Trump irre oder geradezu körperlich schockiert von dem Inhalt des Artikels wäre. Neutralität sieht anders aus.

4Donald Doppelkinn

Auch in diesem Spiegel-Artikel hat man sich für ein Bild entschieden, in dem Trump nicht gaz dicht wirkt. Ob da wohl böse Absicht dahintersteckt? Ob der Leser hier ganz unterschwellig manipuliert werden soll?

In dem Artikel geht es um einen Konflikt zwischen Trump und dem Leiter eines Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, Adam Schiff. Was nun zur Auswahl eben dieses Beitragsbildes geführt hat? Die Botschaft framet Trump noch vor dem ersten Satz: Ohne dass der Leser weiß, wie sich der US-Präsident in dem Konflikt wirklich verhalten hat, suggeriert das Bild Aggressivität.

5Der Opernsänger

Der Spiegel scheint sich in der Bildauswahl ganz besonders für die Aufnahmen zu interessieren, die Trump mit weit geöffnetem Mund zeigen.

Es fällt schwer, zu in Deutschland weniger verhassten Politikern ähnlich lächerliche Pressefotos zu finden. Ob Spiegel-Leser ein besonderes Interesse an Trumps Mundhöhle haben? Oder soll das Narrativ eines lauten, undifferenzierten Präsidenten visuell gestützt werden?

6Die Knutsch-Attacke

Der Nachrichtenseite von T-Online reichte es nicht, einfach nur ein bescheuertes Bild von Trump in den Artikel zum NATO-Gipfel 2019 einzubauen. Auch in der Bildunterschrift ließ man den Emotionen – ganz wie im Boulevard – freien Lauf.

Da heißt es, Trump habe wegen der deutschen NATO-Ausgaben „über die Kanzlerin gelästert“. Unerhört, sowas! Jeder vernünftige Staatsmann hätte schließlich „kritisiert“.

Mit Sicherheit hätte es auch Agenturbilder gegeben, die Merkels Gesichtsentgleisungen einfangen und Trump gut aussehen lassen. Und auch Bilder, in denen beide halbwegs normal gucken, gibt es. Trump schlecht aussehen zu lassen, war auch hier eine bewusste Entscheidung.

7Der Gammel-Look

Der Paparazzo, der dieses Foto schoss, dürfte schon kurz nach der Aufnahme eine Flasche Sekt geköpft haben. Er wusste, dass große, seriöse Zeitungen ihm dieses Bild aus der Hand reißen würden. Trump völlig erschöpft und abgerockt.

Der Artikel erschien allen Ernstes in der „Modekolumne“ der Zeitung unter dem Titel „Trump hat fertig“. Darin meldete die Autorin eine „Stilkritik“ an, kommentiert das Outfit des Präsidenten nach einem langen, harten Wahlkampftag. Punchline: Er hat sich „nicht mal mehr die Mühe“ gemacht, seine Krawatte zu binden.

In den USA glückte der Diskreditierungsversuch allerdings nicht: Anhänger Trumps verbreiteten im Internet die wahren Hintergründe zu dem Foto. Es zeigt nicht etwa einen Präsidenten, dem alles egal ist, sondern einen Politiker nach einer extrem belastenden Wahlkampftour mitten in der Nacht.

8Der Fliegenfänger

Auch beim Stern wählt man mit Vorliebe unvorteilhafte Fotos von Trump aus. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich: Konfrontationen zwischen Trump und seinen Kritikern werden bewusst so bebildert, dass der Amtsinhaber wie ein Esel aussieht, sein Kritiker dagegen cool und lässig.

9Der Legastheniker

Der US-Präsident will – so die Überschrift des Artikels – seine „Schwäche“ kaschieren. Das entsprechende Foto dazu zeigt Trump mit verzerrter Mimik, mitten in der Bewegung, beim vermeintlich hektischen Umblättern.

Das Bild suggeriert, dass Trump etwas suchen würde. Die Unterzeile zeigt, dass dieser Eindruck scheinbar gewollt ist: „Der US-Präsident hat keine Vision für sein Land.“ Auch hier ist das Urteil über den Politiker bereits vor dem ersten Absatz klar.

10Der Schimpanse

Auch beim Springer-Medium Die Welt gibt man sich bei der Bildauswahl große Mühe. Das geht sogar so weit, dass Thumbnails für Videoclips genutzt werden, die Trump wie einen Volltrottel aussehen lassen. Zwangsläufig ist das nicht.

Der offizielle Flickr-Kanal des Weißen Hauses zeigt, dass Trump, wie jeder andere Mensch auch, überwiegend normal schaut. Da ein Video normalerweise mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen wird, gab es für die Auswahl eines zweiminütigen Clips also fast anderthalb tausend Alternativen. Dass ausgerechnet dieses Bild gewählt wurde, sagt mehr über Die Welt als über Trump.

11Der Mussolini-Look

Die Diktatoren-Optik dieses Bildes bei der Tagesschau, aufgenommen aus der Froschperspektive, erinnert stilistisch stark an Propagandafotos von Hitler oder Mussolini. Vergleichbare Bilder anderer, von deutschen Medien geförderter Politiker zeigen diesen Winkel selten bis nie.

Derselbe Blick hätte ganz anders gewirkt, hätte man ihn von oben oder auf Augenhöhe aufgenommen. Die Tagesschau entschied sich aber bewusst für diese Perspektive. So suggeriert das Bild die unterstellte Diktatoren-Haltung und dass der Präsident auf andere – in diesem Fall auf seine Nichte – eitel herabschaut.

12Der böse Onkel

Ein Artikel des deutschen Auslandssenders Deutsche Welle kritisiert Trumps außenpolitische Erfolge. Frieden schließen und damit Konflikte beruhigen – für das deutsche Staatsmedium keine gute Sache. Als wäre das nicht schon absurd genug, wurde zur Illustration es Artikels auch noch ein besonders schlecht getroffenes Trump-Foto platziert.

Was hat das Foto mit dem Thema zu tun? Welche Bildinformation wird hier mitgeliefert? Der Titel unterstellt Trump ein „bizarres Verständnis von Erfolg“. Das Foto liefert den passenden Blick dazu. Trump ist noch vor dem ersten Absatz und einer Begründung der These ein Typ, der schon komisch guckt.

13Der Merkel-Mund

Dieses Bild diente zur Illustration eines Zeit-Artikels über das von Trumps Gegnern angestrengte Amtsenthebungsverfahren. Das Foto zeigt den Präsidenten als armseligen Trauerkloß, den die Angelegenheit hart trifft.

Dass sich das Impeachment-Verfahren schon früh als politisch motivierte Luftnummer herausstellte und Trump den Prozess bald darauf mit fliegenden Fahnen gewann: Nebensache.

14Haare des Hasses

Die Berliner Morgenpost hat sich Ende Juli der wichtigen Frage gewidmet, ob Trumps Haarpracht denn nun echt sei oder nicht. Eine gute Gelegenheit, in einem kurzen Videoclip einige der hässlichsten Fotos des US-Präsidentenzusammenzustellen.

Es scheint, als sei dies auch das eigentliche Ziel des Artikels gewesen. Würde es nämlich tatsächlich primär um Haare oder Hautfarbe des Präsidenten gehen, hätte dafür auch buchstäblich jedes andere Foto getaugt.

15Donald, der Dorftrottel

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht Anfang August 2017 einen Artikel über Trumps „Führungsstil“. Darin wird der Umgang des Amtsinhabers mit seinen Untergebenen beschrieben. Und um dem Leser besonders deutlich zu machen, was für ein unfähiger Mann da im Weißen Haus sitzt, nimmt man ein zwei Jahre altes Archivbild.

Die Bildunterschrift lautet: „Donald Trump bei einer Wahlkampfrede in New Hampshire im Juni 2015.“ Inhaltlich hat das Bild also keinerlei Bedeutung. Passend erschien es den Redakteuren wohl dennoch.

Bessere Alternativen hätte es viele gegeben. So existieren beispielsweise viele Bilder von Trump, die ihn mit Kabinettsmitgliedern oder auch mit Angestellten zeigen. Stattdessen wurde ein Foto gewählt, das suggeriert, Trump würde als Chef und Vorgesetzter in der dargestellten Weise auftreten.