Immer wieder werden in Deutschland Straßen und Plätze umbenannt. Die alten Namensträger sind in Ungnade gefallen. Neue Helden braucht das Land. Das Ziel? Nachträglich die Geschichte „korrigieren“.

1Die „Mohrenstraße“ in Berlin-Mitte – Kolonialverherrlichung muss weg

In Berlin fordern „afrodiasporische und solidarische Aktivist*innen“ des Vereins Decolonize Berlin e.V. die Umbenennung der Mohrenstraße. Begründung des Aktivisten Mnyaka Sururu Mboro: „Es ist genauso wie das N-Wort. Ist genauso schlimm, nur sind zwei verschiedene Namen, aber sind die gleichen.“

Neuester Vorschlag: Nach den Unruhen in den USA soll der von Polizisten getötete Afroamerikaner George Floyd zum neuen Namensgeber der Mohrenstraße werden. Die Berliner Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek findet die Idee gut.

Noch schöner fände sie, wenn „man sich auf eine weibliche Namensgeberin einigen würde, um gerade auch die Rolle Schwarzer Frauen [sic] in der Berliner Stadtgeschichte sichtbarer zu machen.“

2Geschichtskorrektur in Berlins Afrikanischem Viertel

Steinach – imago images

Ebenfalls in Berlin sind die Lüderitzstraße (benannt nach Adolf Lüderitz (1834-1886)), die Petersallee und der Nachtigalplatz (benannt nach Gustav Nachtigal 1834-1885) im Stadtteil Wedding ins Visier geraten. Statt „Kolonialherren“ sollen Menschen geehrt werden, die „dem afrikanischen Widerstand gegen die Deutschen gedenken“, schreibt das FUNKE-Blatt „Der Westen“.

„Das Gedenken der Akteure der rassistischen Kolonialpolitik soll beendet werden“, so die Unterstützer. Eine „breite Mehrheit in der Politik aus Grünen, SPD, Linken und Piraten“ stehe hinter der Geschichtskorrektur.

Doch es gibt Widerstand: „Sehr viele Menschen im Kiez sind mit dem Beschluss und dem Vorgehen der Politiker nicht einverstanden“, sagte Magdalena Sokolowska, die ein Büro in der Lüderitzstraße führt. „Geschichte macht man nicht dadurch besser, indem man Straßennamen ändert“, meint sie.

3Ein Diversitätsdenkmal für Kreuzberg

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Ende 2019 wurde die Entscheidung getroffen, den Heinrichplatz im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg nach dem Gründer der Band „Ton Steine Scherben“ (deren Managerin einmal Claudia Roth war) zum Rio-Reiser-Platz umzuwidmen. Angeschoben hatte das die Fraktion Die Linke. Reiser gilt als Ikone der Westberliner Hausbesetzerszene.

An den Musiker zu erinnern, sei im „Sinne der Diversität“, berichtet der RBB zur Entscheidung. „Schwulsein war für ihn in den 70ern selbstverständlich, während es damals in weiten Teilen der Gesellschaft und auch in der linken Szene noch lange nicht als gängig galt.“

Ursprünglicher Namensgeber war übrigens Prinz Heinrich von Preußen, ein jüngerer Bruder von König Friedrich Wilhelm III. Seit dem 7. April 1849 trug der Platz seinen Namen.

4Deutscher Freiheitskämpfer Ernst Moritz Arndt wird abmontiert

Gemeinfrei

Er hatte in der Epoche der Befreiungskriege gegen Napoleon gekämpft, Deutschland mit seinem Leben verteidigt, als Dichter und Schriftsteller unschätzbare Meisterwerke hinterlassen – doch die postmoderne Linke empfindet ihn heute als „Nationalisten“.

Manche seiner Äußerungen seien „umstritten“. Es hilft also nichts: Die in der Leipziger Südvorstadt gelegene Arndt-Straße wird umbenannt. Den Platz des verfemten nimmt nun die Schriftstellerin Hannah Arendt ein.

5370 Straßennamen in München bedürfen einer „Klärung“ – meinen die Scharfrichter der Political Correctness

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„Antisemiten, Rassisten, Nationalsozialisten: Sie sind da, mitten in der Stadt, auf Münchner Straßen. Genauer: auf Münchner Straßenschildern.“ So zumindest alarmistisch die Süddeutsche Zeitung Mitte November 2019.

Eine „Expertenkommission“ habe „fast alle“ Münchner Straßen überprüft – und bei 330 Erläuterungs-, bei 40 sogar Diskussionsbedarf gefunden. Sie werde „Empfehlungen zum weiteren Vorgehen erarbeiten“, wie eine Pressesprecherin des Kommunalrats erläutert.

6Stadt Düsseldorf prüft 100 Namen von Personen, die ausradiert gehören

Steinach – imago images

In Düsseldorf macht man Ende 2018 Nägel mit Köpfen. 100 Straßennamen wurden mit dem Rotstift durchgestrichen. Maßgabe sei die Frage, „ob die Personen nach heutigen Maßstäben als gesellschaftliches Vorbild gelten dürfen“.

Vor allem Menschen mit „rassistischer, nationalsozialistischer und kolonialer Vergangenheit“ seien bei der Überprüfung auf der Liste gelandet. Wirklich?

Auch auf der Liste: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der ein Attentat auf Hitler durchgeführt hatte und als Widerstandskämpfer gilt.

7Wernher von Braun – NASA-Mitbegründer zum Mond geschossen

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Er gilt als Erfinder der Raketentechnik und hat als deutscher Ingenieur die US-Raumfahrtbehörde NASA mit aufgebaut: Wernher von Braun.

In Hamm ist eine Straße nach ihm benannt. Doch der Mann hat NS-Vergangenheit. „Die Benennung einer Straße nach ihm sei nach dem heutigen Kenntnisstand äußerst fragwürdig“, zitiert der Westfälische Anzeiger das Stadtarchiv.

Die Wernher-von-Braun-Straße soll „der Elisabeth-Schiemann-Straße weichen“. Wer diese Frau war? Eine „deutsche Genetikerin, Kulturpflanzenforscherin und Widerstandskämpferin“. So passt’s.

8Ärger in der Erwin-Rommel-Straße

Gemeinfrei

In Aalen gibt es eine Straße, die nach einem berühmten General aus dem Zweiten Weltkrieg benannt ist. Das stört manchen Bürger. „Umbenennen, auf jeden Fall, weil wir einfach die demokratische Tradition pflegen müssen“, sagt einer.

Eine Anwohnerin widerspricht laut SWR: „Wir leben gerne in der Erwin-Rommel-Straße, schon 57 Jahre.“ Befürworter der Umbenennung schlagen vor, die Straße fortan Manfred-Rommel-Straße zu nennen. Der Sohn des Verfemten war lange Jahre Bürgermeister von Stuttgart. Aber ob das reicht?

9Karl-Marx-Straße umbenennen? Alerta!

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Mitglieder der Jungen Union wollen dem Altkanzler Helmut Kohl ein Denkmal setzen – und alle Karl-Marx-Straßen im Rhein-Main-Gebiet nach ihm benennen. Doch sie haben die Rechnung ohne die Linken gemacht.

Matthias Gropalis von den Wiesbadener Linken hält die Idee für „Klamauk aus der antikommunistischen Mottenkiste“. Seine Partei wolle sich „mit anderen Themen beschäftigen“, und „interessiere sich nicht weiter für den Vorschlag“.

Dass Marx sich tatsächlich stark rassistisch geäußert hatte? Geschenkt, wenn es um die eigenen Ikonen geht.

10Das ist so 2020: Haftbefehl statt Bismarck

Die Meldung ist eigentlich so Klischee, dass man es kaum glauben kann. „Die Bismarckstraße in Offenbach soll nach dem Rapper Haftbefehl umbenannt werden“. So fordert es zumindest der Initiator einer Petition, Felix Sauer.

Er meint laut einem Bericht des hr-Magazins „maintower: „Bismarck war Monarchist, Anti-Demokrat und fand die Kolonien eigentlich gar nicht so schlecht und deshalb muss man diesen Mann heute nicht mehr ehren und positivere Bilder haben“.

Nun also Haftbefehl. Der jedenfalls sei „weit über die Grenzen Offenbachs bekannt“ und „sehr wichtig für die Stadt“, da er es „schon mehrfach in den Feuilltons der großen Zeitungen geschafft“ habe. Denkbar sei als Bismarck-Ersatz aber auch der „erste schwarze deutsche Fußball-Nationalspieler Erwin Kostedde“.